Milchbrötchen, Stütchen, Mürbchen und wie sie nicht noch heißen wollen. Ich hab den Überblick verloren. Damals vom Ruhrpott ins Rheinland gezogen wurde ich beim Bäcker geradezu fassungslos zurechtgewiesen als ich ein "Milchbrötchen" bestellte.
"WAS wollen Sie?!"
"Ein...Milchbrötchen...?"
"Das heißt Mürbchen! Ein Milchbrötchen wird ganz anders hergestellt!!" Aha.
Beim Bäcker im Ruhrpott heute wollte ich es besser machen - und versagte:
"Guten Tag, ich hätte gern ein....ähm...Rosinenbrötchen ohne Rosinen.."
"Sie meinen ein Milchbrötchen? Sagen Sie das doch gleich."
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Dienstag, 11. Oktober 2011
Freitag, 3. Juni 2011
SMS-Flachdeutsch
Er: "und, machsse?"
Ich: "was mach ich?"
Er: "was du mahaachst"
Ich: "ach so, macht nichts"
Merke: wenn die Tage länger werden, können Konversationen noch lange nicht mithalten.
Ich: "was mach ich?"
Er: "was du mahaachst"
Ich: "ach so, macht nichts"
Merke: wenn die Tage länger werden, können Konversationen noch lange nicht mithalten.
Mittwoch, 6. April 2011
Donnerstag, 2. Dezember 2010
Kannze Ruhrpott?
Guten Tach, Strauß. Frau Strauß. Ich bin ja n Kind des Ruhrgebiets, ne? Und da sagen die Menschen manchmal ganz lustige Sachen. Sachen, die man als Nord- oder Süddeutscher oder so nicht unbedingt versteht. Wenn ich also auf dem Ortseingangsschild meiner Geburtsstadt HERNE lese, dann ist das ja auch schon mal völlig falsch geschrieben. Denn eigentlich sagt der Herner ja HEANE. Könnt mann's ja auch eigentlich direkt so schreiben...Tut man aber nicht, muss man sich also merken: HEANE.
Neben dem Klang ist aber auch und vor allem die WortWAHL entscheidend. Und darum gehts jetzt. Denn die Menschen im Ruhrpott mögen lustige Sachen sagen, aber nur, weil man sie nicht immer sofort versteht. Das Problem gehen wir jetzt (getz) mal an.
Damit also auch die ausm Nordern oder Süden oder wo auch immer, die ausm Pott ab sofort verstehen, empfehle ich:
den Ruhrgebiets-Übersetzer. Einfach mal n Pott-Wort eingeben und schon kommt die Übersetzung.
Wissen Sie zum Beispiel was ne Omme ist? Nich?
hier kannze ma übersetzen lassen
Neben dem Klang ist aber auch und vor allem die WortWAHL entscheidend. Und darum gehts jetzt. Denn die Menschen im Ruhrpott mögen lustige Sachen sagen, aber nur, weil man sie nicht immer sofort versteht. Das Problem gehen wir jetzt (getz) mal an.
Damit also auch die ausm Nordern oder Süden oder wo auch immer, die ausm Pott ab sofort verstehen, empfehle ich:
den Ruhrgebiets-Übersetzer. Einfach mal n Pott-Wort eingeben und schon kommt die Übersetzung.
Wissen Sie zum Beispiel was ne Omme ist? Nich?
hier kannze ma übersetzen lassen
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Freitag, 1. Oktober 2010
Mittwoch, 29. September 2010
Sprichwörtlich 1
Sprichwörter, Redewendungen, Floskeln. Wie oft schon haben in unserem Leben irgendwelche Veranstaltungen ihre "Schatten vorausgeworfen" oder Politiker "grünes Licht" gegeben.
Zeitung, Fernsehen, Radio sind voll davon.
Mag ich nicht, will ich nicht, gefällt mir nicht.
Und dann gibt es sie doch, diese Momente in denen ich mich an ihnen erfreuen kann. Nämlich dann, wenn der Nutzer, der Sprecher die Redewendung falsch wiedergibt. Dann bekommen die teils abgegriffenen Phrasen wieder Charme. Ich sammle nun seit gut einem Jahr und mache hier mal einen Zwischenstopp.
ORIGINAL | FÄLSCHUNG |
Die Gelegenheit am Schopfe packen | Die Chance am Hals ergreifen |
Händeringend | Auf Hände und Ringen |
Etwas neigt sich dem Ende | Etwas endet sich der Neige |
Da ist der Hund begraben | Da ist der Hund verfroren |
Aus Scheiße Gold machen | Aus Scheiße Kacke machen |
Das geht auf keine Kuhhaut | Das geht auf meine Kuhhaut |
Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd | Er strahlt wie ein Pfannkuchenpferd |
Mir platzt der Kragen | Mir platzt der Hals |
Die Suppe auslöffeln | Die Suppe einlöffeln |
Es ist nicht alles Gold was glänzt | Es ist nicht alles Honig was glänzt |
Mir geht der Arsch auf Grundeis | Mir liegt der Arsch auf Volleis |
Da ist Licht am Ende des Tunnels | Da ist Licht am Ende des Horizonts |
Nichts übers Knie brechen | Nichts übers Bein brechen |
Der Zug ist abgefahren | Hier ist der Zug vorbei |
Sich vor Glück in die Arme fallen | Sich vor Glück um den Arm fallen |
Sich wo reinreiten | Sich wo reinfahren |
Donnerstag, 13. Mai 2010
Hörnsema
Wie viele Menschen einen Satz mit "hörnsema" beginnen...beeindruckend wie aufregend. "Hörnsema", ruft die dickliche Dame, als sie im Supermarkt die Fachverkäuferin entdeckt. "Hörnsema, wo isn hier der Käse?" Ich stehe daneben, gucke die Dame an und höremamit. (Der Vollständigkeit halber: der Käse ist da hinten, links)
"Hörnsema", spricht mich die Frau auf dem Straßenfest an, die mich wiedererkennt, weil sie mich schon mal im Radio gehört und mein Gesicht irgendwo gesehen hat. "Hörnsema, können Sie nicht mal im Radio ne Durchsage über die Kaufkraft in unserer Stadt machen, die Leute kaufen ja kaum noch ein!" Ich frage zurück: "Was sollen wir denn durchsagen? Kaufen Sie, kaufen Sie, jetzt!?" Sofort wird klar, dass die Dame die ganze Bandbreite der gewünschten Durchsage noch nicht bis zum Ende durchdacht hat, denn eine Antwort will ihr nicht so recht einfallen. Ich verweise Sie an meinen Chef und an das Einkaufszentrum hinter uns. Dort könne Sie doch ganz persönlich und direkt etwas für die Stadt tun.
Radio ist eben ein schnelles Medium, wir helfen sofort.
Wenig später kommt auch schon die nächste Dame auf mich zu: "Hörnsema, Sie sind doch Frau Strauß!" "Ja", sage ich abwartend. "Ich hab Sie mir ganz anders vorgestellt!" Ich: "Wie denn?" "Irgendwie...dicker!" ruft mir die Dame mit Nachdruck ins Gesicht, obwohl sie keine zwei Meter von mir entfernt steht. Sie scheint ernsthaft enttäuscht über meinen Anblick zu sein.
"Hörnsema" ( wer hätte das gedacht ) beginnt auch die Dame mit dem Rollator ihr Gespräch. "Wissen Sie eigentlich, woher der Mühlenplatz seinen Namen hat? Die Dame ist mindestens Hundert und bestens informiert. Als sie mir mittels eines sorgfältig zusammengestellten Ordners eine korrekte historische Antwort geben will, wende ich an, was ich in den vergangenen Stunden gelernt habe. "Hörnsema, tut mir sehr leid, aber ich muss dringend weg." Es tut mir zwar nicht wirklich leid, aber ich muss tatsächlich schnell weg.
Jedes Hörnsema-Gespräch endete übrigens mit dem Satz: "ich hör Sie immer im Radio!" Das ist doch schön und nun auch logisch. Solange die Menschen wahrhaftig zuhören, kann ich Ihnen ein kleines "hörnsema" wohl kaum übel nehmen.
"Hörnsema", spricht mich die Frau auf dem Straßenfest an, die mich wiedererkennt, weil sie mich schon mal im Radio gehört und mein Gesicht irgendwo gesehen hat. "Hörnsema, können Sie nicht mal im Radio ne Durchsage über die Kaufkraft in unserer Stadt machen, die Leute kaufen ja kaum noch ein!" Ich frage zurück: "Was sollen wir denn durchsagen? Kaufen Sie, kaufen Sie, jetzt!?" Sofort wird klar, dass die Dame die ganze Bandbreite der gewünschten Durchsage noch nicht bis zum Ende durchdacht hat, denn eine Antwort will ihr nicht so recht einfallen. Ich verweise Sie an meinen Chef und an das Einkaufszentrum hinter uns. Dort könne Sie doch ganz persönlich und direkt etwas für die Stadt tun.
Radio ist eben ein schnelles Medium, wir helfen sofort.
Wenig später kommt auch schon die nächste Dame auf mich zu: "Hörnsema, Sie sind doch Frau Strauß!" "Ja", sage ich abwartend. "Ich hab Sie mir ganz anders vorgestellt!" Ich: "Wie denn?" "Irgendwie...dicker!" ruft mir die Dame mit Nachdruck ins Gesicht, obwohl sie keine zwei Meter von mir entfernt steht. Sie scheint ernsthaft enttäuscht über meinen Anblick zu sein.
"Hörnsema" ( wer hätte das gedacht ) beginnt auch die Dame mit dem Rollator ihr Gespräch. "Wissen Sie eigentlich, woher der Mühlenplatz seinen Namen hat? Die Dame ist mindestens Hundert und bestens informiert. Als sie mir mittels eines sorgfältig zusammengestellten Ordners eine korrekte historische Antwort geben will, wende ich an, was ich in den vergangenen Stunden gelernt habe. "Hörnsema, tut mir sehr leid, aber ich muss dringend weg." Es tut mir zwar nicht wirklich leid, aber ich muss tatsächlich schnell weg.
Jedes Hörnsema-Gespräch endete übrigens mit dem Satz: "ich hör Sie immer im Radio!" Das ist doch schön und nun auch logisch. Solange die Menschen wahrhaftig zuhören, kann ich Ihnen ein kleines "hörnsema" wohl kaum übel nehmen.
Freitag, 7. Mai 2010
Da ist ein Unterschied
zwischen:
a) Dir geht alles am Arsch vorbei
b) Du gehst an einem Arsch vorbei
Handelt es sich um ein besonders attraktives Exemplar (Musterbeispiel siehe Abbildung) tritt c) in Kraft:
Bedenke, ob b) die richtige Entscheidung ist. Im Zweifel verweile einen Augenblick und prüfe. Ausnahme: auf Dich trifft konsequent a) zu. Dann gilt automatisch b)
Sonntag, 7. März 2010
Ein Tisch ist ein Tisch
Warum mir diese Geschichte heute früh in den Sinn kommt, weiß ich nicht. Sie hat mir immer gefallen, vielleicht ist heute der richtige Tag, um sie hier aufzuschreiben.
Ein Tisch ist ein Tisch - von Peter Bichsel
Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder nahe der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas unterscheidet ihn von anderen. Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen, einen grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die weißen Hemdkragen sind ihm viel zu weit. Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet und hatte Kinder. Vielleicht wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter. In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild.
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch. Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten - und das besondere war, daß das alles dem Mann plötzlich gefiel. Er lächelte.
"Jetzt wird sich alles ändern", dachte er. Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in seine Straße, nickte den Kindern zu, ging vor sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus der Tasche und schloß sein Zimmer auf.
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und wie er sicht hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts hatte sich geändert. Und den Mann überkam eine große Wut. Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff; dann verkrampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer wieder: "Es muß sich etwas ändern." Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine Hände zu schmerzen, seine Stimme versagte, dann hörte er den Wecker wieder, und nichts änderte sich. "Immer derselbe Tisch", sagte der Mann, "dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?" Die Franzosen sagen dem Bett "li", dem Tisch "tabl", nennen das Bild "tablo" und den Stuhl "schäs", und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch. "Warum heißt das Bett nicht Bild", dachte der Mann und lächelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und "Ruhe" riefen.
"Jetzt ändert es sich", rief er, und er sagte von nun an dem Bett "Bild".
"Ich bin müde, ich will ins Bild", sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl "Wecker". Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.
Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich. Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an setzte sich an den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
Dem Bett sagte er Bild.
Dem Tisch sagte er Teppich.
Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der Zeitung sagte er Bett.
Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Dem Schrank sagte er Zeitung.
Dem Teppich sagte er Schrank.
Dem Bild sagte er Tisch.
Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Also: Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich, und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand. Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann.
Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt ihr, so wie es der Mann machte, auch die andern Wörter austauschen:
läuten heißt stellen,
frieren heißt schauen,
liegen heißt läuten,
stehen heißt frieren,
stellen heißt blättern.
So daß es dann heißt: Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Fotoalbum, der Fuß fror auf und blätterte sich aus dem Schrank, damit er nicht an die Morgen schaute. Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Straße. Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein gehörte. Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er mußte die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er mußte lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen.
Seinem Bild sagen die Leute Bett.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch.
Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung.
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel.
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker.
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank.
Seinem Schrank sagen die Leute Teppich.
Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.
Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
Und es kam soweit, daß der Mann lachen mußte, wenn er die Leute reden hörte. Er mußte lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte: "Gehen Sie morgen auch zum Fußballspiel?" Oder wenn jemand sagte: "Jetzt regnet es schon zwei Monate lang." Oder wenn jemand sagte. "Ich habe einen Onkel in Amerika." Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand.
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.
Ein Tisch ist ein Tisch - von Peter Bichsel
Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder nahe der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas unterscheidet ihn von anderen. Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen, einen grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die weißen Hemdkragen sind ihm viel zu weit. Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet und hatte Kinder. Vielleicht wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter. In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild.
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch. Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten - und das besondere war, daß das alles dem Mann plötzlich gefiel. Er lächelte.
"Jetzt wird sich alles ändern", dachte er. Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in seine Straße, nickte den Kindern zu, ging vor sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus der Tasche und schloß sein Zimmer auf.
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und wie er sicht hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts hatte sich geändert. Und den Mann überkam eine große Wut. Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff; dann verkrampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer wieder: "Es muß sich etwas ändern." Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine Hände zu schmerzen, seine Stimme versagte, dann hörte er den Wecker wieder, und nichts änderte sich. "Immer derselbe Tisch", sagte der Mann, "dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?" Die Franzosen sagen dem Bett "li", dem Tisch "tabl", nennen das Bild "tablo" und den Stuhl "schäs", und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch. "Warum heißt das Bett nicht Bild", dachte der Mann und lächelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und "Ruhe" riefen.
"Jetzt ändert es sich", rief er, und er sagte von nun an dem Bett "Bild".
"Ich bin müde, ich will ins Bild", sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl "Wecker". Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.
Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich. Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an setzte sich an den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
Dem Bett sagte er Bild.
Dem Tisch sagte er Teppich.
Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der Zeitung sagte er Bett.
Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Dem Schrank sagte er Zeitung.
Dem Teppich sagte er Schrank.
Dem Bild sagte er Tisch.
Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Also: Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich, und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand. Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann.
Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt ihr, so wie es der Mann machte, auch die andern Wörter austauschen:
läuten heißt stellen,
frieren heißt schauen,
liegen heißt läuten,
stehen heißt frieren,
stellen heißt blättern.
So daß es dann heißt: Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Fotoalbum, der Fuß fror auf und blätterte sich aus dem Schrank, damit er nicht an die Morgen schaute. Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Straße. Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein gehörte. Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er mußte die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er mußte lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen.
Seinem Bild sagen die Leute Bett.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch.
Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung.
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel.
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker.
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank.
Seinem Schrank sagen die Leute Teppich.
Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.
Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
Und es kam soweit, daß der Mann lachen mußte, wenn er die Leute reden hörte. Er mußte lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte: "Gehen Sie morgen auch zum Fußballspiel?" Oder wenn jemand sagte: "Jetzt regnet es schon zwei Monate lang." Oder wenn jemand sagte. "Ich habe einen Onkel in Amerika." Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand.
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.
Freitag, 23. Oktober 2009
Das Redegewand
Wenn wir morgens schon mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen, bedeutet das, wir sind spätestens abends total krank?
Wenn eine Grippe im Anzug ist, nehme ich an, sie trägt sonst nur Jeans?
Wenn Politiker für etwas grünes Licht geben, oder die Weichen stellen, heißt das, wir werden von einem Bahnhof aus regiert?
Eine Veranstaltung wirft ihre Schatten voraus. Kombiniere: die Sonne scheint von hinten auf die Veranstaltung = Schlagschatten voraus!
Hier kommt der aktuellste Verkehrshinweis. Der muss ja besser sein, als der aktuelle. Ist vermutlich der einzigst wahre...
Wenn die Kassen klingeln, dann sind sie vielleicht dem Postmann auf der Spur.
Warum wollen wir uns Leute mit ins Boot holen und nicht ins Auto?
Vielleicht weil wir damit bisher gut unterwegs sind?
Wenn Köpfe rauchen, warum ruft niemand die Feuerwehr?
Sie sind von der Presse und lieben das Schreiben ohne lästiges Nachdenken?
Dann empfehle ich Ihnen folgendes Angebot:
bitte, klick: Baukasten für Presseinfos
Wenn eine Grippe im Anzug ist, nehme ich an, sie trägt sonst nur Jeans?
Wenn Politiker für etwas grünes Licht geben, oder die Weichen stellen, heißt das, wir werden von einem Bahnhof aus regiert?
Eine Veranstaltung wirft ihre Schatten voraus. Kombiniere: die Sonne scheint von hinten auf die Veranstaltung = Schlagschatten voraus!
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Wenn die Kassen klingeln, dann sind sie vielleicht dem Postmann auf der Spur.
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